Dienstag, 24.08.2010 | 12:20
Mysterium Eau Rouge
Alle Fahrer lieben sie - die Strecke Spa-Francorchamps und die Kurve Eau Rouge. Aber was macht die Faszination des Ardennenkurses aus?
Faszination Spa-Francorchamps. Faszination Eau Rouge. "Es gibt keinen Fahrer, der sich nicht auf Spa freut", sagt Mark Webber - und der WM-Führende hat recht. Wer über den GP-Kurs in Spa-Francorchamps spricht, der erwähnt zwangsläufig die wohl berühmteste Kurve der Welt: Eau Rouge. Und obwohl der Kurs aus sehr viel mehr Kurven besteht, die nicht minder herausfordernd sind, ist die Kurve des roten Wassers der Inbegriff der Ardennenachterbahn.
Herausforderung Eau Rouge
Nüchtern betrachtet handelt es sich bei dieser legendären und viel zitierten "Eau Rouge" nur um ein in einer Senke gelegenes "S", welches im sechsten respektive siebten Gang mit gut 300 km/h durchfahren wird, und das nach dem steilsten Bergaufstück der Formel 1 in eine nicht einsehbare Linksbiegung mündet. Heute wird sie problemlos voll gefahren, wie Pedro de la Rosa bestätigt: "Diese Strecke vergisst man nie. Mit ihren schnellen Kurven ist sie eine echte Herausforderung. Eau Rouge kann man heutzutage mit Vollgas durchfahren, und am Ende der folgenden Gerade gibt es eine gute Überholmöglichkeit."
Benannt wurde die Kurve nach einem in der Nähe gelegenen Bach, dessen Wasser sich aufgrund des roten Bodens leicht rötlich färbt. Durch die Augen eines F1-Piloten wie Michael Schumacher oder Lewis Hamilton betrachtet, stellt sie jedoch eine der letzten richtigen Natur- sowie Mutkurven dar. "Auf dieser Strecke kann der Fahrer noch einen Unterschied ausmachen", sagt Williams-Technikchef Sam Michael.
Die Fahrer rasen auf die Eau Rouge von der "La Source"-Haarnadel kommend mit Höchstgeschwindigkeit zu. Beim Einlenken wird der Wagen tief in die Stoßdämpfer gepresst, bevor er noch im ersten Kurvenabschnitt federleicht wird, da die Kurve um 15 Prozent ansteigt.
Zu diesem Zeitpunkt können die Fahrer die Kuppe des Hügels noch nicht einsehen. Für sie sieht es so aus, als würden sie direkt in den Himmel hineinrasen. Doch anstatt in den meistens Wolken verhangenen belgischen Himmel über der Ardennenachterbahn abzuheben, biegt der Kurs an dieser Stelle urplötzlich nach rechts ab, bevor der Streckenverlauf wieder links herum auf die "Kemmel"-Gerade führt.
Achterbahn in Belgien
"Man sieht im Fernsehen gar nicht, wie steil die Anfahrt ist", beschreibt Mark Webber die Eau Rouge. "Hier merkt man erst, was für eine Achterbahnfahrt einem bevorsteht. Danach ist es als ob man versucht einen Berg zu besteigen. Man wartet einfach nur noch darauf wie eine Kanonenkugel aus der Kurve geschossen zu werden!"
Kein Wunder also, dass Ex-Formel-1-Pilot Jacques Villeneuve die Eau Rouge trotz einiger heftiger Abflüge als die "wahrscheinlich aufregendste Kurve" der Formel 1 bezeichnet. Der ehemalige F1-Pilot und Lokalmatador Bas Leinders geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn ist es die "schönste Kurve der Welt".
"Wenn man mit einem Formel 1-Auto hinauf fährt, dann ist das ein unglaubliches Gefühl - es ist sensationell!", beschreibt der Belgier den Höllenritt. "Zunächst fährt man mit 330 Km/h die Gerade runter und dann geht es mit Vollgas in die Eau Rouge! Dabei wird so viel Druck auf das Auto ausgeübt, dass die Fahrzeuge mit der Holzplatte aufsetzen. Deshalb sieht man dort auch immer den braunen Streifen - das ist das Holz. Wenn man oben ist, hat man noch immer 300 Km/h auf dem Tacho. In jedem Formel- oder Tourenwagenfahrzeug ist die Eau Rouge unglaublich, aber wenn man mit einem F1-Auto durch sie fährt, dann fehlen einem die Worte. Es ist der Wahnsinn!"
Und zwar ein wahnsinniger Ritt auf der Rasierklinge, wie Villeneuve nach seinen Unfällen in der Eau Rouge bestätigen kann. Nicht umsonst druckte er damals den Satz "I survived Eau Rouge" auf seine Autogrammkarten. "Es ist eine wirklich atemberaubende Kurve", sagt er. "Hier mit Vollgas zu fahren verbessert zwar nicht die Gesamtrundenzeit, aber es macht einen stolz. Stolz ist freilich dumm, aber wichtig!"

