Bobsport

Mittwoch, 30.09.2015

'Nach Erfolgen ändert sich das Anspruchsdenken': Interview mit Bob-Weltmeister Francesco Friedrich

Der 25-Jährige äußert sich im Interview zu seinen Zielen für die kommende Saison, zu seinem Weg in den Bobsport sowie zum Verhältnis zwischen Ost und West.

Wie war Ihr Sommer in sportlicher Hinsicht?

Francesco Friedrich: Bis vor rund fünf Wochen lief alles sehr gut, ich war in Topform. Dann habe ich mich verletzt. Es ist aber schon wieder verheilt. Wahrscheinlich werde ich bis zum Weltcup-Auftakt in Altenberg fit sein.

Wie sind denn Ihre Ziele für den kommenden Winter?

Francesco Friedrich: Ich möchte den WM-Pokal im Zweier-Bob verteidigen und im Vierer eine Medaille holen.

Ihre Anschieber waren beim Test in Oberhof Ende August die Schnellsten. Warum?

Francesco Friedrich: Es gibt Gründe, warum wir diese Jungs ausgewählt haben. Dann haben wir bestimmte Trainingsmethoden und ein gutes Konzept, mit dem wir Jahr für Jahr arbeiten. Hinzu kommt, dass mein Team schon eine gewisse Erfahrung hat und unsere Anschieber von Verletzungen verschont geblieben sind.Die sind außerdem alle top-motiviert und haben ein Kämpferherz.

Der Weltcup macht in dieser Saison ja zweimal Station in der Deutsche Post Eisarena Königssee. Was schätzen Sie an der Bahn?

Francesco Friedrich: Es ist auf jeden Fall eine anspruchsvolle Bahn. Die Kurven S1 bis S4 sind eine geniale Kombination. Man dreht den Bob ins Gefälle und muss im richtigen Moment aufmachen. Wer dann in die Jenner-Kurve schlecht reinfährt, verliert viel Geschwindigkeit und hat im unteren Bereich nicht das nötige Tempo. Mittlerweile habe ich die Seele der Bahn verstanden, denke ich.

Wie kommt eigentlich ein normaler Jugendlicher dazu, Bobfahrer zu werden?

Francesco Friedrich: Bei mir war das Zufall. Ich komme aus Pirna in Sachsen. Beim dortigen Stadtfest war einmal eine Bob-Anschubbahn aufgebaut, auf der man sich mit anderen messen konnte. Mein Bruder machte mit und gewann. Daraufhin wechselte er vom Leichtathletik-Verein, in dem wir beide aktiv waren, zum Bobsport und nahm mich mit. Bis zur Bahn nach Altenberg sind es von meinem Heimatort nur rund 40 Kilometer.

Welche Impulse könnte der Bobsport in Deutschland noch gebrauchen?

Francesco Friedrich: Publicity kann man immer gebrauchen. Es ist schön, wenn möglichst viele Menschen hinter einem stehen. Es sind immer wieder große Namen zurückgetreten. Diese Lücke muss gefüllt werden. Je mehr Geld da ist, desto mehr können wir für den Nachwuchs tun. Wenn es so weitergeht wie jetzt, weiß ich nicht, ob es in 20 Jahren noch echten Bobsport in Deutschland gibt.

Sind die Anforderungen der Öffentlichkeit und der Funktionäre zu hoch, zu niedrig oder genau richtig?

Francesco Friedrich: Seit den Olympischen Spielen von Sotschi lief es etwas schleppend. Das ist halt manchmal so. Wenn Erfolg da ist, ändert sich eben gleich das Anspruchsdenken und auch die Aufmerksamkeit. Wenn wir beim Heimrennen dann die Plätze vier, fünf und sechs belegen, fragt die Presse sofort, was da los ist.

Eine Frage noch zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit, der ja kurz bevorsteht: Sie kommen aus Sachsen und sind 1990 geboren. Empfinden Sie im deutschen Sport noch so etwas wie eine Einteilung in Ost und West?

Francesco Friedrich: Manche Menschen sind in der Unterscheidung schon noch sehr strikt, auf beiden Seiten übrigens. Anderen ist es völlig egal. Manche machen auch einfach Späße über das Thema. Andererseits gibt es wiederum viel Regionalpatriotismus. In unserer Sportart spürt man das zum Beispiel stark bei Bayern. Da geht es nicht darum, sich vom Osten abzugrenzen, sondern von allen anderen Bundesländern.

Foto: Imago